ref. Kirche Oberwil BL

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Auszug aus dem Gutachen:

Das Gutachten beruht auf Untersuchungen an der Orgel am 7.10.14 (im Beisein von Herrn Marton Borsanyi), am 6.11.14. und am 20.11.14.

1 Allgemeines

Die im Jahre 1952 erbaute Orgel der Firma Kuhn (damals „Th. Kuhn AG Männedorf“) darf als typisches Kind seiner Zeit angesehen werden. Angestossen durch die sog. „Elsässer Orgelreform“ wurden die Orgeln nach und nach auch in der Schweiz wieder nach den traditionellen barocken Idealen konzipiert und gebaut. Die Oberwiler Orgel steht hier noch am Anfang: Die Disposition (s. dort) ist der Nomenklatur nach zwar wieder ganz barock, dabei bleibt es aber auch. Weder in der Aesthetik, in der Architektur, in der Handwerkskunst noch im Klang ist von „Barock“ etwas zu sehen oder zu hören.

2 Disposition

Hauptwerk

Principal 8’

Spitzflöte 8’

Rohrgedackt 4’

Superoctav 2’ (Auszug) heute: selbständig

Mixtur IV-V 2’ heute: III – IV 1 1/3’

Positiv

Gedackt 8’

Principal 4’

Nachthorn 4’ mit Fremdpfeife g2 seit ?

Waldflöte 2’

Sesquialtera II (keine „Sesquialtera“, sondern Nasat + Terz)

Scharf III-V

Dulcian 8’ neu zusätzlich seit ?

Pedal

Subbass 16’

Trompete 8’ neu anstelle von ? seit ?

Koppeln II – I, II – P, I – P

Drehknopf-Kombination (ausser bei Dulcian 8’ )

 

3 Pfeifenwerk

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Das Metallpfeifenwerk ist soweit noch in Ordnung. Schäden konnte ich keine feststellen.

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Die Zungen-Register Dulcian 8’ im Positiv und Trompete 8’ im Pedal wurden später eingebaut. Die Trompete im Pedal wurde auf einen bestehenden Stock gesetzt. Dafür musste im Pedal ein bestehendes Register weichen. Es dürfte ein Gemshorn 8’ oder ein ähnliches, konisches Flötenregister entfernt worden sein.

Im Pedal war dieser Schritt fatal. Es fehlt schmerzlich ein leises 8’ Register. Das Spiel eines Trios ist kaum mehr möglich. Die eingebaute Trompete 8’, ein für das Pedal ebenfalls sehr wichtiges Register, ist in französischer Bauart gemacht. Dies war leider ein Missgriff. Die französischen Zungen sind extrem laut, da sie in der Literatur ganz spezifische Aufgaben haben. Sie ist in der Oberwiler Orgel praktisch unbrauchbar.

In einem unbekannten Zeitraum wurden einige Veränderungen vorgenommen (diese sind nirgends dokumentiert, vielleicht in dem späten 90ern):

Sämtliche Principalregister wurden höher aufgeschnitten, die Fusslöcher geöffnet und so im Klang verstärkt.

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4 Technik

In den 50er Jahren wurden wieder Orgeln mit mechanischer Ton- und Registertraktur gebaut. Weil in Oberwil nur eine beschränkte Höhe auf der Empore zur Verfügung stand, musste die Manual-Tontraktur ohne Wellenbrett angelegt werden, also strahlenförmig von den Tasten zu den Ventilen. …. Für damalige Verhältnisse ist die Tontraktur immerhin annehmbar.

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Die Koppeln im Manual (II – I) und Pedal (I – P und II – P) wurden vor 2 Jahren neu einreguliert (s. Reparatur-Protokoll). Sie sind aber bereits wieder verreguliert und fallen in einzelnen Tasten ganz aus.

Diese Koppeln können offenbar nicht mehr auf Dauer reguliert werden.

……….

5 Architektur

V.a. in reformierten Kirchen wurden die Orgeln oft auch dann auf der Empore erstellt, wenn zu wenig Höhe vorhanden war. … In Oberwil steht sie auf der südlichen Emporenseite. Die seitliche Anordnung hat zur Folge, dass man die Orgel um 90o drehen musste. Sie spricht also nicht ins Kirchenschiff, sondern quer in die Empore. Damit der Eindruck entsteht, dass die Orgel doch „richtig“ steht, hat man einen kleinen „Prospekt“ seitlich der Orgel platziert. Ein architektonischer Wurf war die Orgel auch damals nicht. Immerhin zeigt ein altes Foto, dass die Orgel zumindest nicht störte.

6 Aesthetik

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Ein eigentliches Gehäuse, welches die Orgel umschliesst, ist nicht vorhanden. Von einer Gehäusegestaltung kann man deshalb nicht reden. Das „Orgel-Gehäuse“ gleicht eher einem Verschlag.

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7 Klang

Der Klang ist für eine Orgel aus dieser Zeit ungewöhnlich laut…. In den späten 60ern bis in die 80er-Jahre wurde die nordische Barockorgel das Mass aller Dinge: kräftig, brillant, jedes Register mit charakteristischer Aussage.

Dies wurde mit der Oberwiler Orgel irgendwann auch gemacht. Daraus resultiert ein stärkerer Ton. Der Klang wird dabei dumpfer oder dunkler. Bei den meisten Orgeln der 40er- und 50er-Jahre konnte aber am Charakter des Tones nichts geändert werden, weil sie vorher (also bereits beim Neubau) „zu Tode intoniert“ wurden.

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Das bedeutet praktisch, dass man am Klang dieser Orgel nichts mehr verbessern kann.

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8 Schlussbemerkungen

Die Oberwiler Orgel kann nicht „abgesprochen“ werden. Sie kann mit einigem Aufwand am technischen Teil funktionstüchtig erhalten werden. Sie hat weder einen aesthetisch-arcitektonischen Wert, noch wird sie einen guten Organisten je inspirieren. Der Gemeindegesang kann durch solche Klänge wenig befördert werden. Eine Gemeinde gewöhnt sich an „ihre Orgel“. Leider gewöhnt man sich mit der Zeit auch an schlechte Klänge.

Aus meiner Sicht sollte die Orgel in nächster Zeit nur mit minimalstem Aufwand funktionstüchtig erhalten werden. Strebt man eine gute Kirchenmusik an, so wäre ein Neubau unumgänglich. Ein guter Organist, den die Kirchgemeinde z. Zt. glücklicherweise hat, braucht für ein gutes, begeisterndes Orgelspiel auch ein gutes Instrument.

Oberwil, 22. November 2014

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Die tiefen Kerben in der Kernspalte zeigen eine „zu Tode“ intonierte Pfeife.

Bilder unten: links die eingebaute französische Zunge, diese erzeugt einen sehr hellen, lauten Klang. Rechts der gleiche Ton in deutscher Bauart, diese erzeugt einen dunkeln, grundtönigen, eher leisen Klang, geegnet für ein Bassfundament.

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